Akademie der Landschaft / Anthropology of Landscape

        Dr. phil. Kurt Derungs

 



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Landschaftsmythologie - das Gedächtnis der Erde

 

Warum fragte man früher einen Baum, ob er gefällt werden will? Wieso schlafen Menschen auf Steinen, um geheilt zu werden? Bei Quellen holte die Hebamme die kleinen Kinder, und im Frühling rollte man Eier über Wiesen und Felder - welcher Sinn steckt dahinter? Die Natur umgibt uns täglich, doch nehmen wir sie auch wahr? Wir sagen immer noch: Bergkopf, Bergfuss, Flussarm, Bergrücken, Meerbusen, Gletschermilch, Mutterstein, Rheinknie, Nabelstein oder Bauchhöhle. Die künstliche Trennung zwischen Natur und Kultur entfällt in solchen Ausdrücken.

Diese sprachlichen Benennungen sind mehr als nur Metaphern für natürliche Phänomene. Sie belegen, dass die Landschaft als ein belebtes Wesen aufgefasst wird, so wie es Jahrtausende lang in einer animistischen Naturphilosophie überliefert ist. Ebenso lassen sich die erwähnten Naturbräuche in einer Tradition mit lebendiger Natur- und Ahnenverehrung erklären. Die Landschaftsmythologie beschäftigt sich mit der kulturgeschichtlichen Naturverbundenheit und erklärt im Rahmen der Ethnologie die vielfältige Mensch-Natur-Beziehung.

Ethnologie > Anthropologie der Landschaft > Landschaftsmythologie

Die moderne Ethnologie kennt seit Jahren ein spezielles Wissensgebiet, nämlich die Anthropologie der Landschaft, die auf internationaler Ebene als Anthropology of Landscape bezeichnet wird. Aus diesem Spezialgebiet entwickelte Kurt Derungs die Landschaftsmythologie, die im Schnittpunkt verschiedener Fachgebiete steht wie Archäologie, Ethnologie und Mythologie. Die sonst isolierten Fachgebiete werden miteinander vernetzt und schaffen eine breite Basis für das Verständnis einer Landschaft. Neben dieser kombinatorischen Technik trägt vor allem das verlängerte Geschichtsbewusstsein Wesentliches bei, indem die matrifokale Kulturanthropologie in die Landschaftsmythologie einbezogen wird. Dies ganz im Sinne eines Spruches von Antoine de Saint-Exupery:

"Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung!"

 


Fachgebiete der Landschaftsmythologie - © Kurt Derungs


Die Landschaftsmythologie geht vom Sichtbaren und Nachvollziehbaren aus. Sie besitzt eine beschreibbare, historisch-kritische Theorie und eine historisch-vergleichbare Methode. In diesem Sinn ist die Landschaftsmythologie nicht nur fachbezogen, sondern hat auch einen erkennbaren Rahmen der Interpretation. Sie ist weder esoterisch noch positivistisch, sondern eine fundierte Alternative dazu.

Nebst den drei hauptsächlichen Fachgebieten Archäologie, Ethnologie und Mythologie weist die moderne Landschaftsmythologie drei miteinander verknüpfte Wissensgebiete auf, die ethnologisch bekannt sind: Animismus/Totemismus, Schamanismus und matrifokale Mythologie (Ahninnenkulturen). Zu diesen Interpretationsfeldern kommen noch drei weitere Deutungsmuster hinzu, nämlich die direkte Naturverehrung, die Ahnenverehrung und die sippenbezogene Wiedergeburtsmythologie. In diesem Sinnbezirk lassen sich bereits viele Phänomene der überlieferten Mensch-Natur-Beziehung verständlich erklären.

Die Landschaftsmythologie ist ein interdisziplinäres und historisch-kritisches Fachgebiet, das erkenntnis- und praxisorientiert ist. Sie fördert ein vernetztes Denken sowie eine meinungsbildende Selbstreflexion. Sie ist ohne ideologische oder religiöse Anbindung.

Landschaftsmythologische Themen sind in vielfältigen Bereichen einsetzbar:

  • Kulturtourismus und Kulturerbe
  • Naturpädagogik und Landschaftsschutz
  • Kultur- und Landschaftswege
  • Unterricht und Lehrerfortbildung
  • Museumspädagogik und Indigenes Wissen
  • Raumplanung und Architektur
  • Geographie und Naturbewusstsein
  • Regionale Kulturen (place attachment)

>> Sagenforschung